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Süssstoffe in der Kritik

geschrieben von: Jürg Hösli 
Süssstoffe in der KritikMicrosoft Word - 817.022.31.de.doc

Süssstoffe – Schlankmacher oder Krebsbringer?

Der Zuckerersatz soll uns das Leben kalorienfrei versüssen. Was gedacht ist als Heilsbringer für  alle Übergewichtigen steht immer mehr im Verdacht Krebs auszulösen, dick zu machen, Kopfschmerzen zu bewirken und für Epilepsie zu sorgen. Wie sind die Süssstoffe für den Konsumenten wirklich einzuordnen nach genauerer Betrachtung der Wissenschaftlichen Studienlage?

Seit Jahrhunderten spielen Süssigkeiten und verschiedene Zuckerarten in der Ernährung eine spannende Rolle. Während die süssen Speisen früher vor allen den Reichen vorbehalten waren, machen Sie heute  bei vielen Menschen gerade auch der Unterschicht einen Teil Ihrer täglichen Ernährung aus. Süssgetränke  werden  von vielen Personen einem einfachen Mineralwasser vorgezogen. Das macht beispielsweise bei zwei Liter Cola pro Tag rund 820kcal mehr aus. Dies entspricht rund 40% des Kalorienbedarfs einer 25jährigen Frau mit gelegentlichem Sport und sitzender Tätigkeit.

Darum ist der „natürliche“ Wunsch da ist, Süsses ohne Reue konsumieren zu können. Die Lebensmittelindustrie und -Chemie liefert für diesen Wunsch die Lösung. Die sogenannten Süssstoffe haben verglichen mit den Zuckerarten Fruktose, Saccharose (Haushaltszucker) und Dextrose (Traubenzucker) eine viel höhere Süsskraft, sind aber keine Kohlenhydrate. Da für die Süssung sehr viel kleinere Menschen eigesetzt werden können, besitzen sie keinen oder nur einen vernachlässigbar kleinen Nährwert.

Kleine Geschichte der Süssstoffe

Als erster Süssstoff wurde Saccharin schon Ende des 19. Jahrhunderts in den USA entdeckt. Ein verfehltes Experiment wurde  die Geburtsstunde dieses Süsstoffes, welcher eine Jahresproduktion bis ins Jahre 1910 von 175 Tonnen im Jahr erreichte. In Deutschland wurde Saccharin auf Drängen der Zuckerlobby 1902 verboten und erst nach dem 2. Weltkrieg wieder zugelassen. In den sechziger und siebziger Jahre des 20 Jahrhunderts wurden weitere Zusatzstoffe entdeckt. Die Süssstoffe Aspartam, Aceculfam K, Zyklamat, Sukralose und Thaumatin. Alle Ausser Thaumatin (natürlicher Rohstoff aus einer Afrikanischer Pflanze) kamen schnell in den Verdacht, z.T. massive Nebenwirkungen zu haben. So zeigten Studien bei Zyklamat (E952), Aspartam (951) einen Einfluss auf die Produktion von Krebs im Tierversuch. Zyklamat wurde so seit 1970 in den USA als Zusatzstoff verboten, für Saccharin mussten Produkthersteller einen Etiketten-Zusatz beifügen: Saccharin hat in Tierversuchen Krebs ausgelöst. Grosse Gewinne der Chemischen Industrie beim Süssstoffhandel und die unklare wissenschaftliche Studienlage waren oft Anlass von Verschwörungstheorien.

Zulassungsbestimmungen von Süssstoffen

Die Zulassung von Zusatzstoffen (gesetzliche Bezeichnung von Süssstoffen) wird jeweils durch die Länder geregelt. Eine Unbedenklichkeit wird dabei in Tierversuchen ermittelt. In Studien wird der sogenannte  NOAEL (No observed adverse effect level) festgesetzt. Dieser Wert ist eine überdurchschnittlich hohe Menge eines Süssstoffes, welcher dann Ratten meist über mehrere Jahre gegeben wird. Ergeben sich keine negative Reaktionen, wird noch ein anschliessender Sicherheitsfaktor von ungefähr ein Hundertstel eingerechnet um dann den ADI (Acceptable daly intake=akzeptierbare tägliche Einnahme) zu erhalten. Dieser Wert beschreibt die mg/Kg Körpergewicht.

 

Süssstoffe                                         ADI (mg/kg KG)                  Süsskraft*                          Brennwert kcal/g
Acesulfam K                                                     0-9                         100-200                                               0
Aspartam                                                           0-40                       100-200                                               4
Cyklamat                                                            0-7                         25-30                                                    0
Saccharin                                                           0-11                       300-400                                               0
Sukralose                                                           0-5                         600                                                        4
Thaumatin                                                         0-15                       2500                                                     0
Neohesperidin DC                                         unbestimmt      600                                                        0
Aspartam-Acesulfamsalz                            0-40                       350                                                        0
ADI: Acceptable daly intake
*Süsskraft verglichen mit Haushaltszucker, welche als 1 gesetzt wird.

 

Nutzen der Einnahme

Reduktion der aufgenommenen Kalorienzahl

Da Zusatzstoffe wie Aspartam viel stärker süssen, kann die Energiedichte einer Mahlzeit oder eines  Produktes herabgesetzt werden. Wir essen also weniger Kalorien pro Nahrungsvolumen. Das führt über den Tag zu einer zum Teil beträchtlichen Reduktion von Kalorien.  Personen, die auf den süssen Geschmack nicht verzichten möchten, können so Ihr „Süssgetränk“ weiter nehmen ohne eine grosse Anzahl von Kalorien einzunehmen.

In der Ernährungsforschung taucht die Kritik auf, dass der Körper eine bestimmte Menge an Energie braucht. Das würde dazu führen, dass trotz der Verminderung der zugeführten Kalorien, der Körper sich die Energie über später produzierten Hunger holt. In verschiedenen Studien wurden Flüssigkeiten entweder mit Aspartam oder Zucker gesüsst eingenommen. Von 22 Studien konnten lediglich 2 eine grössere spätere Energieaufnahme verzeichnen. Auch weitere Versuchsanordnungen zum sogenannten Sweetener Paradox zeigten mehrheitlich bei allen Süssstoffen keinen Einfluss auf eine appetitsteigernde Wirkung.

Studien mit Kindern über einen Beobachtungszeitraum von rund 19 Monaten konnten zeigen, dass Kinder bei einer Einnahme von Getränken mit Süssstoffen keinen messbaren Unterschied im Körpergewicht zeigten. Im Gegensatz zu den Süssgetränken , die zu einer deutlichen Gewichts- Zunahme führten.

Leider gibt es kaum entsprechende Langzeitstudien zur Süssstoffeinnahme welche feststellen, ob ein positiver oder negativer Einfluss von Süssstoffen auf das Körpergewicht bei Übergewichtigen oder adipösen Menschen (BMI über 30) wirklich besteht. Es existieren lediglich Studien mit ausweisbarem Erfolg in der Gewichtsreduktion, die auch eine Änderung des Lebensstils anstrebten.

So kann hier festgestellt werden, dass Süssstoffe wohl eher dazu dienen, nicht weiter an Gewicht, insbesondere Körperfett, aufzubauen. Jedoch einen Effekt auf eine Verminderung des Körpergewichtes ist wohl kaum erreichbar.

 

Süssstoffe und Insulinausschüttung

Insulin ist ein wichtiges Hormon im Körper, welches in der Bauchspeicheldrüse vor allem nach einer Einnahme von Kohlenhydraten produziert wird, und welches Kohlenhydrate, Fette und Proteine aus dem Blut in die Körperzellen speichert. Bei der Einnahme von Nahrungsmitteln wie Weissbrot, Energygetränke oder Süssigkeiten kann es nach einer Zeit von 90-120 Minuten durch den schnellen Abtransport der Blutglukose zu einer Unterzuckerung kommen. Diese Unterzuckerung führt zu einem weiteren Hungergefühl und ev. dadurch zu einer vermehrten Kalorieneinnahme.

Eine übermässige Produktion von Insulin, ausgelöst durch einen Ernährung mit einem zu hohen Anteil an schnell verfügbaren Zuckerarten mit zu wenig Bewegung , wird heute ermittelt als Ursache von vielen Erkrankungen wie Diabetes, Dyslipoproteinämien, usw. Insulin hat zudem auch eine negative Wirkung auf die Fettverbrennung. So hemmt es im Körper Hilfsstoffe (Enzyme) die wichtig sind für den Abbau von Körperfett.

Bei den Süssstoffen wurde die Möglichkeit diskutiert, dass durch ein psychologischer (cephalische Reaktion)ebenfalls Insulin ausgeschüttet werden würde, wenn Süsses eingenommen wurde. Dadurch würde ebenfalls die Fettverbrennung unterbrochen und allenfalls ein folgender Heisshunger provoziert. In den meisten seriösen  Studien konnte dieser Effekt jedoch nicht bestätigt werden.

In einer Studie wurden Sportlern ein Getränk mit verschiedenen Zuckerarten oder Süssstoff gegeben. Die Sportler durften das Getränk jedoch nicht einnehmen, sondern lediglich den Mund spülen. Bei der Kohlenhydrat-Einnahme konnte trotzdem eine Insulinausschüttung festgestellt werden, bei den Süssstoffen jedoch nicht. Die Forscher fanden heraus, dass dies aufgrund eines Kohlenhydrat-Melders (Rezeptor) im Mund geschieht.

Die Konsequenz aus diesem Befund ist, dass Süssstoffe sehr gut als Alternative für Diabetiker geeignet sind und ebenfalls in einer Diät zur Fettreduktion bei Lust auf Süsses eingesetzt werden können.

Die Weisheit Süsses macht glücklich kann zudem nach dieser Erkenntnis nicht auf die Süssstoffe übertragen werden, da dieser Effekt der Serotoninausschüttung (Glückshormon) direkt mit der Insulinausschüttung zu tun hat. Wer also Süsses im Unterbewussten die Beruhigung braucht, wird diesen Effekt vermissen. Ein dadurch bedingter Anstieg einer Lust auf zusätzliche Kohlenhydrate wurde bisher noch nicht in der Wissenschaft analysiert.

Karies-Prophylaxe

Süssstoffe wirken sich nicht negativ auf die Zähne aus, und fördern kein Karies. Darum werden sie in Produkten eingesetzt, welche als zahnfreundlich bezeichnet werden

Mögliche Gesundheitsrisiken

In verschiedenen Studien kamen immer wieder Bedenken auf bezüglich Sicherheit der einzelnen Süssstoffe. In einigen Studien an Ratten wurde eine Erhöhung der Krebsgefahr nachgewiesen. Alle diese Studien wurden nachträglich widerlegt oder als wissenschaftlich mangelhaft angesehen. Ebenfalls wurden Bedenken in Punkto Erhöhung von Kopfschmerzen, Epilepsie, Verminderung der Denkfähigkeit oder von negativen Auswirkungen auf die Stimmung und bei Allergien von etlichen Studien widerlegt.

Trotz der scheinbar klaren wissenschaftlichen Datenlage gibt es eine wachsende Anzahl von Menschen, die sehr skeptisch sind bezüglich der Süssstoffe. Grundsätzlich darf hier festgestellt werden, dass auch die Wissenschaft ihre Grenzen kennt. Da es  in der Bevölkerung jedoch eine genügend grosse Anzahl von Süssstoff-Gegnern gibt, würde man auch mehr Studien erwarten mit vielen klaren Aussagen bezüglich Schädlichkeit. Einwenden könnte man bei diesem Punkt, dass Langzeitstudien mit vielen Teilnehmern und einer hohen Evidenz (Kohortenstudien) sehr teuer sind und wohl eher von der chemischen Industrie gesponsert werden als beispielweise von Aspartam-Gegnern.

Schlussbetrachtungen

In medizinischen und ernährungswissenschaftlichen Studien zum Thema Süssstoffen tauchen immer wieder folgende Worte auf:  Süsses war für den Menschen immer wichtig und nimmt einen besonderen Platz ein, Süssstoffe sind darum wichtig für den Konsumenten.  In dieser Aussage steckt das eigentliche Paradox der Süssstoff-Diskussion. Wären wir durch die Nahrungsmittelindustrie nicht auf Süsses getrimmt, müssen wir dieses nicht austauschen. Ein Drittel aller Schweizer und rund zwei Drittel der Deutschen Erwachsenen sind zu dick. Wir können diese jedoch Menschen nicht schlank bekommen durch Süssstoffe, sondern gemäss den Studien wohl eher auf Ihrem Gewicht halten.

Süssigkeiten waren historisch gesehen ein Genussmittel, dessen Verfügbarkeit bei weitem nicht so hoch war wie heute. Der Zucker-Verbrauch pro Kopf erfährt in den letzten Jahrzehnten aber ein exponentielles Wachstum. Böse Zungen mögen nun behaupten: Wenn wir weniger Süsses in unserem Leben brauchen würden, müssten wir uns nicht entscheiden zwischen Zuckerkonsum mit Spätfolgen wie Diabetes Typ II, Herzinfarkt, Hirnschlag oder Süssstoffkonsum mit Hirntumor und Darmkrebs.  Beides erzeugt fette Gewinne für die Nahrungsmittel- oder chemischen -Industrie. Der Konsument bleibt jedoch auf der Strecke.

Da an dieser Stelle aber vor allem nüchtern betrachtet werden sollte, darf angefügt werden, dass für Menschen mit Übergewicht, durch den Austausch von Zucker mit Süssstoffen, ein positiver Effekt auf Ihre Körpergewichtsentwicklung erwartet werden kann. Langfristig bleiben aber Zweifel, da Adipositas heute von einigen Forschern ebenfalls als psychologisches Phänomen und weniger ernährungsbedingt angesehen wird. Würde den adipösen Menschen durch die Süssstoffe der Glücklich-mach-Effekt genommen werden, führt dies allenfalls langfristig zu einer möglichen Kompensation durch zusätzliche Kohlenhydrate.  Die Resultate von weiterer Forschung in diesem Punkt bleiben abzuwarten.


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