Der Zuckerersatz soll
uns das Leben kalorienfrei versüssen. Was gedacht ist als Heilsbringer für alle Übergewichtigen steht immer mehr im Verdacht
Krebs auszulösen, dick zu machen, Kopfschmerzen zu bewirken und für Epilepsie zu
sorgen. Wie sind die Süssstoffe für den Konsumenten wirklich einzuordnen nach
genauerer Betrachtung der Wissenschaftlichen Studienlage?
Seit Jahrhunderten spielen Süssigkeiten und verschiedene
Zuckerarten in der Ernährung eine spannende Rolle. Während die süssen Speisen
früher vor allen den Reichen vorbehalten waren, machen Sie heutebei vielen Menschen gerade auch der
Unterschicht einen Teil Ihrer täglichen Ernährung aus. Süssgetränkewerdenvon vielen Personen einem einfachen Mineralwasser vorgezogen. Das macht beispielsweise
bei zwei Liter Cola pro Tag rund 820kcal mehr aus. Dies entspricht rund 40% des
Kalorienbedarfs einer 25jährigen Frau mit gelegentlichem Sport und sitzender
Tätigkeit.
Darum ist der „natürliche“ Wunsch da ist, Süsses ohne Reue
konsumieren zu können. Die Lebensmittelindustrie und -Chemie liefert für diesen
Wunsch die Lösung. Die sogenannten Süssstoffe haben verglichen mit den
Zuckerarten Fruktose, Saccharose (Haushaltszucker) und Dextrose (Traubenzucker)
eine viel höhere Süsskraft, sind aber keine Kohlenhydrate. Da für die Süssung
sehr viel kleinere Menschen eigesetzt werden können, besitzen sie keinen oder
nur einen vernachlässigbar kleinen Nährwert.
Kleine Geschichte der
Süssstoffe
Als erster Süssstoff wurde Saccharin schon Ende des 19.
Jahrhunderts in den USA entdeckt. Ein verfehltes Experiment wurdedie Geburtsstunde dieses Süsstoffes, welcher
eine Jahresproduktion bis ins Jahre 1910 von 175 Tonnen im Jahr erreichte. In
Deutschland wurde Saccharin auf Drängen der Zuckerlobby 1902 verboten und erst
nach dem 2. Weltkrieg wieder zugelassen. In den sechziger und siebziger Jahre
des 20 Jahrhunderts wurden weitere Zusatzstoffe entdeckt. Die Süssstoffe
Aspartam, Aceculfam K, Zyklamat, Sukralose und Thaumatin. Alle Ausser Thaumatin
(natürlicher Rohstoff aus einer Afrikanischer Pflanze) kamen schnell in den
Verdacht, z.T. massive Nebenwirkungen zu haben. So zeigten Studien bei Zyklamat
(E952), Aspartam (951) einen Einfluss auf die Produktion von Krebs im Tierversuch.
Zyklamat wurde so seit 1970 in den USA als Zusatzstoff verboten, für Saccharin
mussten Produkthersteller einen Etiketten-Zusatz beifügen: Saccharin hat in
Tierversuchen Krebs ausgelöst. Grosse Gewinne der Chemischen Industrie beim
Süssstoffhandel und die unklare wissenschaftliche Studienlage waren oft Anlass
von Verschwörungstheorien.
Zulassungsbestimmungen
von Süssstoffen
Die Zulassung von Zusatzstoffen (gesetzliche Bezeichnung von
Süssstoffen) wird jeweils durch die Länder geregelt. Eine Unbedenklichkeit wird
dabei in Tierversuchen ermittelt. In Studien wird der sogenannteNOAEL (No observed adverse effect level)
festgesetzt. Dieser Wert ist eine überdurchschnittlich hohe Menge eines
Süssstoffes, welcher dann Ratten meist über mehrere Jahre gegeben wird. Ergeben
sich keine negative Reaktionen, wird noch ein anschliessender Sicherheitsfaktor
von ungefähr ein Hundertstel eingerechnet um dann den ADI (Acceptable daly
intake=akzeptierbare tägliche Einnahme) zu erhalten. Dieser Wert beschreibt die
mg/Kg Körpergewicht.
SüssstoffeADI
(mg/kg KG)Süsskraft*Brennwert kcal/g
Acesulfam K0-9100-2000
Aspartam0-40100-2004
Cyklamat0-725-300
Saccharin0-11300-4000
Sukralose0-56004
Thaumatin0-1525000
Neohesperidin DCunbestimmt6000
Aspartam-Acesulfamsalz0-403500
ADI: Acceptable daly intake
*Süsskraft verglichen mit Haushaltszucker, welche als 1 gesetzt wird.
Nutzen der Einnahme
Reduktion der aufgenommenen
Kalorienzahl
Da Zusatzstoffe wie Aspartam viel stärker süssen, kann die
Energiedichte einer Mahlzeit oder einesProduktes herabgesetzt werden. Wir essen also weniger Kalorien pro
Nahrungsvolumen. Das führt über den Tag zu einer zum Teil beträchtlichen
Reduktion von Kalorien. Personen, die
auf den süssen Geschmack nicht verzichten möchten, können so Ihr „Süssgetränk“
weiter nehmen ohne eine grosse Anzahl von Kalorien einzunehmen.
In der Ernährungsforschung taucht die Kritik auf, dass der
Körper eine bestimmte Menge an Energie braucht. Das würde dazu führen, dass
trotz der Verminderung der zugeführten Kalorien, der Körper sich die Energie
über später produzierten Hunger holt. In verschiedenen Studien wurden
Flüssigkeiten entweder mit Aspartam oder Zucker gesüsst eingenommen. Von 22
Studien konnten lediglich 2 eine grössere spätere Energieaufnahme verzeichnen. Auch
weitere Versuchsanordnungen zum sogenannten Sweetener Paradox zeigten
mehrheitlich bei allen Süssstoffen keinen Einfluss auf eine appetitsteigernde
Wirkung.
Studien mit Kindern über einen Beobachtungszeitraum von rund
19 Monaten konnten zeigen, dass Kinder bei einer Einnahme von Getränken mit
Süssstoffen keinen messbaren Unterschied im Körpergewicht zeigten. Im Gegensatz
zu den Süssgetränken , die zu einer deutlichen Gewichts- Zunahme führten.
Leider gibt es kaum entsprechende Langzeitstudien zur
Süssstoffeinnahme welche feststellen, ob ein positiver oder negativer Einfluss
von Süssstoffen auf das Körpergewicht bei Übergewichtigen oder adipösen Menschen
(BMI über 30) wirklich besteht. Es existieren lediglich Studien mit
ausweisbarem Erfolg in der Gewichtsreduktion, die auch eine Änderung des
Lebensstils anstrebten.
So kann hier festgestellt werden, dass Süssstoffe wohl eher
dazu dienen, nicht weiter an Gewicht, insbesondere Körperfett, aufzubauen.
Jedoch einen Effekt auf eine Verminderung des Körpergewichtes ist wohl kaum
erreichbar.
Süssstoffe und
Insulinausschüttung
Insulin ist ein wichtiges Hormon im Körper, welches in der
Bauchspeicheldrüse vor allem nach einer Einnahme von Kohlenhydraten produziert
wird, und welches Kohlenhydrate, Fette und Proteine aus dem Blut in die
Körperzellen speichert. Bei der Einnahme von Nahrungsmitteln wie Weissbrot,
Energygetränke oder Süssigkeiten kann es nach einer Zeit von 90-120 Minuten durch
den schnellen Abtransport der Blutglukose zu einer Unterzuckerung kommen. Diese
Unterzuckerung führt zu einem weiteren Hungergefühl und ev. dadurch zu einer
vermehrten Kalorieneinnahme.
Eine übermässige Produktion von Insulin, ausgelöst durch
einen Ernährung mit einem zu hohen Anteil an schnell verfügbaren Zuckerarten
mit zu wenig Bewegung , wird heute ermittelt als Ursache von vielen
Erkrankungen wie Diabetes, Dyslipoproteinämien, usw. Insulin hat zudem auch
eine negative Wirkung auf die Fettverbrennung. So hemmt es im Körper
Hilfsstoffe (Enzyme) die wichtig sind für den Abbau von Körperfett.
Bei den Süssstoffen wurde die Möglichkeit diskutiert, dass
durch ein psychologischer (cephalische Reaktion)ebenfalls Insulin ausgeschüttet
werden würde, wenn Süsses eingenommen wurde. Dadurch würde ebenfalls die
Fettverbrennung unterbrochen und allenfalls ein folgender Heisshunger
provoziert. In den meisten seriösen Studien konnte dieser Effekt jedoch nicht bestätigt
werden.
In einer Studie wurden Sportlern ein Getränk mit
verschiedenen Zuckerarten oder Süssstoff gegeben. Die Sportler durften das
Getränk jedoch nicht einnehmen, sondern lediglich den Mund spülen. Bei der
Kohlenhydrat-Einnahme konnte trotzdem eine Insulinausschüttung festgestellt
werden, bei den Süssstoffen jedoch nicht. Die Forscher fanden heraus, dass dies
aufgrund eines Kohlenhydrat-Melders (Rezeptor) im Mund geschieht.
Die Konsequenz aus diesem Befund ist, dass Süssstoffe sehr
gut als Alternative für Diabetiker geeignet sind und ebenfalls in einer Diät
zur Fettreduktion bei Lust auf Süsses eingesetzt werden können.
Die Weisheit Süsses macht glücklich kann zudem nach dieser
Erkenntnis nicht auf die Süssstoffe übertragen werden, da dieser Effekt der
Serotoninausschüttung (Glückshormon) direkt mit der Insulinausschüttung zu tun
hat. Wer also Süsses im Unterbewussten die Beruhigung braucht, wird diesen
Effekt vermissen. Ein dadurch bedingter Anstieg einer Lust auf zusätzliche
Kohlenhydrate wurde bisher noch nicht in der Wissenschaft analysiert.
Karies-Prophylaxe
Süssstoffe wirken sich nicht negativ auf die Zähne aus, und
fördern kein Karies. Darum werden sie in Produkten eingesetzt, welche als zahnfreundlich
bezeichnet werden
Mögliche Gesundheitsrisiken
In verschiedenen Studien kamen immer wieder Bedenken auf
bezüglich Sicherheit der einzelnen Süssstoffe. In einigen Studien an Ratten
wurde eine Erhöhung der Krebsgefahr nachgewiesen. Alle diese Studien wurden
nachträglich widerlegt oder als wissenschaftlich mangelhaft angesehen.
Ebenfalls wurden Bedenken in Punkto Erhöhung von Kopfschmerzen, Epilepsie,
Verminderung der Denkfähigkeit oder von negativen Auswirkungen auf die Stimmung
und bei Allergien von etlichen Studien widerlegt.
Trotz der scheinbar klaren
wissenschaftlichen Datenlage gibt es eine wachsende Anzahl von Menschen, die
sehr skeptisch sind bezüglich der Süssstoffe. Grundsätzlich darf hier
festgestellt werden, dass auch die Wissenschaft ihre Grenzen kennt. Da esin der Bevölkerung jedoch eine genügend
grosse Anzahl von Süssstoff-Gegnern gibt, würde man auch mehr Studien erwarten
mit vielen klaren Aussagen bezüglich Schädlichkeit. Einwenden könnte man bei
diesem Punkt, dass Langzeitstudien mit vielen Teilnehmern und einer hohen
Evidenz (Kohortenstudien) sehr teuer sind und wohl eher von der chemischen
Industrie gesponsert werden als beispielweise von Aspartam-Gegnern.
Schlussbetrachtungen
In medizinischen und ernährungswissenschaftlichen Studien
zum Thema Süssstoffen tauchen immer wieder folgende Worte auf: Süsses war für den Menschen immer wichtig und
nimmt einen besonderen Platz ein, Süssstoffe sind darum wichtig für den
Konsumenten.In dieser Aussage steckt
das eigentliche Paradox der Süssstoff-Diskussion. Wären wir durch die
Nahrungsmittelindustrie nicht auf Süsses getrimmt, müssen wir dieses nicht
austauschen. Ein Drittel aller Schweizer und rund zwei Drittel der Deutschen
Erwachsenen sind zu dick. Wir können diese jedoch Menschen nicht schlank
bekommen durch Süssstoffe, sondern gemäss den Studien wohl eher auf Ihrem
Gewicht halten.
Süssigkeiten waren historisch gesehen ein Genussmittel,
dessen Verfügbarkeit bei weitem nicht so hoch war wie heute. Der Zucker-Verbrauch
pro Kopf erfährt in den letzten Jahrzehnten aber ein exponentielles Wachstum. Böse
Zungen mögen nun behaupten: Wenn wir weniger Süsses in unserem Leben brauchen
würden, müssten wir uns nicht entscheiden zwischen Zuckerkonsum mit Spätfolgen
wie Diabetes Typ II, Herzinfarkt, Hirnschlag oder Süssstoffkonsum mit Hirntumor
und Darmkrebs.Beides erzeugt fette
Gewinne für die Nahrungsmittel- oder chemischen -Industrie. Der Konsument
bleibt jedoch auf der Strecke.
Da an dieser Stelle aber vor allem nüchtern betrachtet
werden sollte, darf angefügt werden, dass für Menschen mit Übergewicht, durch
den Austausch von Zucker mit Süssstoffen, ein positiver Effekt auf Ihre
Körpergewichtsentwicklung erwartet werden kann. Langfristig bleiben aber
Zweifel, da Adipositas heute von einigen Forschern ebenfalls als psychologisches
Phänomen und weniger ernährungsbedingt angesehen wird. Würde den adipösen
Menschen durch die Süssstoffe der Glücklich-mach-Effekt genommen werden, führt dies
allenfalls langfristig zu einer möglichen Kompensation durch zusätzliche
Kohlenhydrate. Die Resultate von
weiterer Forschung in diesem Punkt bleiben abzuwarten.
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