Körperkult
verführt immer mehr Jugendliche zum Doping
Von Peter Leveringhaus und Pete Smith
Doping im Spitzensport sorgt immer wieder für Skandale. Doping
im Breitensport dagegen wird weitgehend tot geschwiegen. Die Tatsache,
daß es keine Kontrollen im Breitensport gibt, macht die
Diskussion schwierig. Experten sind jedoch alarmiert, weil inzwischen
auch viele Jugendliche für einen muskulösen Körper
zu Anabolika greifen.
"Es
gibt immer mehr Jugendliche, die schon mit 14, manchmal sogar
mit zwölf Jahren Pillen schlucken und sich Spritzen setzen,
um dickere Arme zu bekommen", sagt der Ex-Bodybuilder und
Gründer einer Anti-Doping-Initiative, Jörg Börjesson.
Genaue Zahlen über die jungen Anabolika-Konsumenten gibt
es nicht. Doch Fachleute schätzen, daß jeder zehnte
jugendliche Kraftsportler zu Pillen und Spritzen greift - und
sich kaum um die Risiken schert.
Kardiomyopathien bei jungen Bodybuildern
Erst kürzlich hatte der Heidelberger Molekularbiologe Professor
Werner Franke vor den gesundheitlichen Folgen des wachsenden Anabolika-Konsums
im Breitensport gewarnt (die "Ärzte Zeitung" berichtete).
Bei jungen Bodybuildern würden zunehmend Kardiomyopathien,
Leberschäden und schwere Persönlichkeitsveränderungen
beobachtet. Auch Franke kritisiert, daß das Phänomen
weitgehend verschwiegen werde.
Über
den auffallend schnell wachsenden Bizeps ihrer Söhne machen
sich offenbar auch viele Eltern keine Gedanken, sagt der Kölner
Psychologe und Psychotherapeut Werner Hübner. "Die sind
froh, daß ihr Junge nicht auf der Straße herumhängt
und auch noch etwas für seine Gesundheit tut", lautet
Hübners Erfahrung.
200
000 Breitensportler dopen sich, schätzen Experten
Der Mediziner Carsten Boos von der Universität Lübeck
hat in Deutschland die bislang einzige wissenschaftliche Studie
über Doping im Freizeitsport vorgenommen (wir berichteten).
Sein Fazit: "Bei vorsichtiger Schätzung gibt es bundesweit
rund 200 000 Breitensportler, die mit Anabolika oder anderen Substanzen
Mißbrauch betreiben." Boos beklagt ein "mangelndes
öffentliches Interesse", das Thema anzugehen. "Die
Empfindlichkeiten sind immens." Suchtverhalten und Körperbildstörungen
würden als Probleme unterschätzt.
"Die
Jugendlichen suchen den Kick über ihren eigenen Körper
und erleben dabei buchstäblich Entwicklungen, die sie ansonsten
im Leben vermissen", erläutert Psychologe Hübner.
Ihre Motive seien die gleichen wie bei anderen Jungen: den Mädchen
und der eigenen Clique imponieren. Allein in Köln mit knapp
einer Million Einwohnern, schätzt Hübner, gibt es "einige
Hundert dopende Jugendliche - mit steigender Tendenz seit etwa
drei Jahren".
Viele
Anabolika-Konsumenten sind depressiv oder aggressiv
Der Toxikologe Hans Sachs vom rechtsmedizinischen Institut der
Universität München erläutert die möglichen
Folgen: "Gerade in der Wachstumsphase ist die Einnahme von
Substanzen wie Clenbuterol, Nandrolon oder Wachstumshormonen besonders
gefährlich." Ebenso könnten Testosteron-Präparate
den Hormonhaushalt durcheinander bringen. "Auch Gemütsschwankungen
mit depressiven und aggressiven Phasen treten häufig auf",
so Sachs. Die Beschaffung der Substanzen ist ein Kinderspiel.
"Vom Internet über einschlägige Bodybuilding-Studios
bis hin zum Dealen auf dem Schulhof reicht das", sagt Börjesson.
Die
Preise schwanken: Eine Am-phetamin-Tablette ist für einen
Euro zu bekommen, Wachstumshormonpillen kosten bis zu 30 Euro.
Der illegale Handel ist ein Riesengeschäft: "100 Millionen
Euro werden auf dem Schwarzmarkt in Deutschland damit jährlich
umgesetzt", schätzt Börjesson. "Es gibt Händler,
die einfach in die Türkei oder nach Griechenland fliegen,
sich dort in Apotheken billig eindecken und wieder zurückfliegen",
ergänzt der Toxikologe Sachs. Aber auch aus Spanien, der
Schweiz, Osteuropa oder Thailand würden die verbotenen Substanzen
eingeschmuggelt.
Mitunter
werden gefälschte Bescheinigungen vorgelegt, zum Teil sollen
auch Ärzte die erforderlichen Rezepte ausstellen. Erst kürzlich
wurde in Berlin ein Allgemeinmediziner angeklagt, der Anabolika
ohne medizinische Indikation unter anderen auch an Minderjährige
abgegeben haben soll (wir berichteten).
Bei
der Nationalen Anti Doping Agentur (Nada) sieht man vor allem
gesellschaftliche Ursachen: "Der Körperkult ist aus
den Medien in den Breitensport hinübergeschwappt", sagt
Geschäftsführer Roland Augustin. Es werde "ein
Körperbild transportiert, das realitätsfern ist und
dem einzelnen nahe legt, daß man an sich etwas ändern
muß - ähnlich wie bei Schönheitsoperationen".
Zudem hätten Breitensportler keine ausgebildeten Trainer:
"So erkennen viele ihre Leistungsgrenze nicht, oder sie ignorieren
sie." |