"Man
muß die Leute nur mit Duft übersättigen"
Wie Riechforscher mit Gerüchen den Heißhunger bekämpfen
/ Wissenschaftler blockieren Riechrezeptoren
Allein mit dem Geruch von Speisen das Übergewicht bekämpfen
- das haben Forscher schon getestet. "Man muß die Leute
nur mit Duft übersättigen", dachte US-Forscherin
Susan Schiffmann und hat ihren Probanden vorm Fernseher kalorienfreie
Schoko-, Erdnuß- und Pommes-Sprays in den Mund gesprüht.
Funktioniert
hat der Versuch, den Appetit auf die Kalorienbomben einzudämmen,
nur bedingt. Geruch und Geschmack allein hatten die Naschkatzen
auf Dauer nicht befriedigt. "Zu den Chips gehört wohl
auch das Knacken und das Fett auf der Zunge", sagt "Riech"-Forscher
Professor Hanns Hatt, Zellphysiologe an der Ruhruniversität
Bochum. Ein Schweizer Lebensmittelkonzern will als Folge jetzt
den komplexen Eßeindruck untersuchen.
Die
Wissenschaft der Düfte hat weitere Phänomene ans Tageslicht
gebracht, die sich zweckmäßig ausnutzen lassen oder
zumindest der Grundlagenforschung dienen. So lösen schmackhafte
Düfte leicht einen alt bekannten Reflex aus: Das Wasser läuft
im Munde zusammen. Das währt jedoch nicht lang: "Innerhalb
von zwei bis vier Minuten adaptiert der Geruchssinn auf den Duft
so stark, daß man ihn kaum noch wahrnimmt", sagt Hatt.
So
kommt ein bekanntes Phänomen zur Geltung: "Wenn ich
am Herd stehe, habe ich keinen Hunger mehr." Der Heißhunger
kann also durch Überreizung gedämpft werden. Dies geht
soweit, daß nach dem ersten Geruchseindruck die Nebengerüche
durchdringen. "Da kann man nach kurzer Zeit neben der Currywurst
auch Fettgeruch wahrnehmen." Frisch gebackenes Brot wird
dagegen von den meisten Menschen insgesamt als sehr angenehm empfunden.
So könne man mit den Kleinbacköfen im Supermarkt sogar
über den Duft zusätzlich Menschen anlocken.
Gelingt
es bei Übergewichtigen, die bei bestimmten Gerüchen
Heißhunger entwickeln, Riechrezeptoren zu blockieren - und
das ist möglich - kann man ihnen zu großen Appetit
nehmen.
Hanns
Hatt ist es erstmals gelungen, einen Rezeptor auf den Riechzellen
zu klonen und zu identifizieren (die "Ärzte Zeitung"
berichtete). Die menschlichen Riechzellen können mehr als
10 000 Düfte unterscheiden. Jede der fast 20 Millionen Riechzellen
in der Nasenschleimhaut stellt nur einen von fast 350 verschiedenen
Rezeptortypen her.
«Maiglöckchenduft
bringt Spermien
auf Trab»
Sechs Riechrezeptoren konnte Hatt einen speziellen Duft zuordnen,
unter anderem Maiglöckchenduft, Früchteduft oder Meeresbrise.
Mit dem wohl spektakulärsten Ergebnis seiner Forschung brachten
es Hatt und Kollegen aus Los Angeles vor knapp einem Jahr bis
ins renommierte US-amerikanische Fachjournal "Science":
"Maiglöckchenduft bringt Spermien auf Trab", lautete
damals das Ergebnis.
Der
Lockstoff mit dem Fachbegriff Bourgeonal, der in der Waschmittelindustrie
als Duft eingesetzt wird, weist im Labor den Samenzellen die Richtung
und sorgt für eine Verdoppelung der Geschwindigkeit. Die
Forscher gehen nun davon aus, daß auch die Eizelle oder
das Umgebungsgewebe eine ähnliche Substanz aussenden, um
die Spermien anzulocken.
Im
Umkehrprozeß läßt sich der Riechrezeptor der
Samenzelle mit dem Stoff Undecanal blockieren, was in diesem Fall
einem Verhütungsmittel gleichkommt. "Damit ist der Samenzelle
die Nase zugehalten, und sie kann sich nicht orientieren",
sagt Hatt. Das gleiche Ergebnis erhält man auch, wenn man
in der Nase den entsprechenden Rezeptor blockiert. Dann kann man
den Maiglöckchenduft nicht mehr riechen.
Am
liebsten hätte es der Zellphysiologe, wenn die Politiker
Riechstunden in der Schule einführen würden. "Wenn
wir den Geruchssinn in jungen Jahren trainieren, könnten
wir uns eine neue Duftwelt erschließen, die uns sonst für
immer verborgen bleibt." (dpa)