|
Weiter, höher, schneller – Massezuwächse in kürzester Zeit
und noch viel mehr versprechen die Supplementhersteller von Kreatin.
Hält es tatsächlich, was es verspricht, oder ist Kreatin womöglich
sogar gesundheitsgefährdend?
Das seit 1995 durch das Bundesamt für Gesundheit in der Schweiz
zugelassene weisse Pulver steht heute in fast allen Fitnesscentern
sowie Supplementshops und ist fast überall ein Verkaufsrenner. Jeden
Monat scheint ein noch effektiveres Produkt alles Bisherige in den
Schatten zu stellen und die Muskeln noch schneller wachsen zu lassen.
Der Laie blickt durch dieses breite Angebot kaum mehr durch;
gefährliches Halbwissen verunsichert sowohl die Kunden wie auch die
Händler.
Was ist Kreatin? Kreatin ist in unserem Körper
überall dort zu finden, wo eine sehr schnelle Versorgung mit Energie
überlebenswichtig ist: In der Skelett- und Herzmuskulatur sowie im
Gehirn, in der Netzhaut des Auges und im Spermium kann Kreatin
nachgewiesen werden. Durch eine Supplementierung mit Kreatin sind
demzufolge auch in diesen Bereichen Veränderungen zu erwarten. Ein
durchschnittlicher Körper enthält ca. 100–120 g Kreatin. Über unsere
Ernährung führen wir ihm in 100 g Fleisch oder Fisch ca. 0,5 g Kreatin
zu. Der Körper kann Kreatin aber auch selber herstellen und ist so
nicht zwingend auf eine Aufnahme über die Nahrung angewiesen. Der
tägliche Bedarf liegt bei 2–4 g. Bei der Eigenproduktion in der Leber,
den Nieren und der Bauchspeicheldrüse wird Kreatin aus den Aminosäuren
Glycin, Arginin und Methionin synthetisiert. Es bildet für unseren
Körper einen wichtigen Energiepuffer und ist eine Energietransportform
auf zellulärer Ebene.
Wirkung von Kreatin Über die Wirkung von
Kreatin ist gerade durch Supplementmarken, welche im Bodybuilding
beheimatet sind, viel geschrieben worden. Vor allem die manchmal
unglaublichen Erfolgsstorys der Profibodybuilder wie „Ich bin nur
Weltmeister geworden, weil ich das revolutionäre Produkt XY genommen
habe“ lassen beim Betrachter den Schluss zu, dass Kreatin entweder ein
Zaubermittel ist oder auf die Dopingliste gehört. Der Insider weiss
natürlich, dass die Resultate der Kraftsportler nicht nur auf Kreatin
zurückzuführen sind. Die tatsächliche Wirkung von Kreatin variiert
stark von Anwender zu Anwender und hängt von verschiedenen
Voraussetzungen wie Fleischkonsum, Genetik, ausreichender
Kalorienzufuhr und natürlich auch der Regelmässigkeit der Einnahme ab.
Wer Kreatin als Nahrungssupplement zu sich nimmt, vergrössert die
Kreatinspeicher in den Zellen, was z.B. in den Kraftsportarten zu einer
Leistungssteigerung von bis zu 20% führen kann. In Studien konnte
nachgewiesen werden, dass Kreatin nicht nur den Muskelaufbau aller
Muskelfasertypen unterstützt, sondern auch die Einlagerung von
Kohlenhydraten in die Zelle. Dieser Punkt ist natürlich für die
Ausdauersportler besonders interessant. Eine weitere Wirkung des
Kreatins lässt sicher viele in den Fitnessstudios aufhorchen, denn:
Kreatin und Krafttraining führen zu einer deutlichen Verringerung des
Körperfettanteils durch die Erhöhung des Muskelanteils und somit auch
des Stoffwechsels. Der heutige Fokus der Kreatinforschung geht
jedoch weit über den Sport hinaus. Die positiven Effekte einer
Kreatinsupplementierung werden heute breit untersucht und können
wegweisend für die Zukunft sein. In Studien konnte eine positive Wirkung bei folgenden Punkten gefunden werden: - Herzrhythmusstörungen nach einem Herzinfarkt,
- Mineralisation von Knochen und Knorpel,
- Schutzwirkung auf Gehirn und Nervenzellen (insbesondere bei Parkinson, Alzheimer und Demenz)
- bei Muskelkranken,
- bei geistiger Ermüdung, Konzentrationsschwächen,
- in der Rekonvaleszenz,
- vor geplanten orthopädischen Eingriffen,
- bei Aids, Krebs, ALS oder Postpolio-Syndrom und
- generell zur Verlängerung des Lebens.
Das
tönt wie in der Werbung und es scheint, dass Kreatin eher ein
Allheilmittel als ein Nahrungsergänzungsmittel ist. Die führenden
Wissenschaftler im Bereich Kreatin betonen, dass vieles noch erforscht
werden müsse. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass Kreatin eine
wichtige Unterstützung im Bereich verschiedener Krankheitsbilder ist.
Nebenwirkungen Kreatin werden aber auch
verschiedene Nebenwirkungen und Gesundheitsgefährdungen nachgesagt. Es
existieren derzeit jedoch keine durch Studien gesicherten Fakten, die
eine Gesundheitsgefährdung belegen würden. Die Nebenwirkungen können
klar eingegrenzt werden: Durch die zusätzliche Speicherung von Wasser
bei einer Kreatineinnahme in der Muskulatur kann das Körpergewicht um
1–2 kg steigen. Man sollte beachten, dass bei einer Kreatineinnahme
zusätzliche 1–2 Liter pro Tag getrunken werden sollten, damit eine
Dehydratation und die möglicherweise daraus folgenden Kopfschmerzen
vermieden werden. Kreatin ist aber auch ein Magnesiumräuber, weswegen
es vor allem in der Ladephase zu vereinzelten Krämpfen kommen kann.
Solche Krämpfe können mit einer Einnahme von 150–900 mg Magnesium
vermieden oder zumindest vermindert werden. Ab und zu wurde von
Magen-Darm-Unverträglichkeiten im Zusammenhang mit einer
Kreatineinnahme berichtet (siehe Abschnitt „Qualität auf dem Markt“). Kontraindiziert
ist Kreatin bei Personen mit einem bestehenden Nierenleiden oder einem
erhöhten Risiko für Nierenkrankheiten (z.B. Diabetes, Bluthochdruck,
reduzierte Filtrationsrate der Niere). Obwohl unter hochdosierter
Kreatineinnahme potenziell zellschädigende Kreatinabbauprodukte
(Methylamin, Formaldehyd) verstärkt im Urin nachzuweisen sind, wurde
bisher kein erhöhtes Risiko für Erkrankungen wie Nierenleiden oder
Krebs festgestellt.
Für wen ist Kreatin sinnvoll? Nach den
bisherigen Fakten, die uns die Forschung liefert, muss man sich wohl
eher fragen: Für wen ist Kreatin nicht sinnvoll? Kreatin scheint, wie
erwähnt, nach Allheilmittel zu tönen – wie einst Quecksilber im
Mittelalter. Wir dürfen sicher der heutigen Forschung bei Weitem mehr
vertrauen als der Alchemie von vor 400 Jahren. Dennoch müssen wir bei
der Beantwortung der Frage, wer Kreatin anwenden sollte, sicher den
gesunden Menschenverstand einschalten. Für einen gesunden Menschen, der
zwischendurch ein bisschen müde ist, ist Kreatin ebenso wenig zu
empfehlen wie für einen Menschen mit 50 kg Übergewicht, der auf dem
Fahrrad seine Basisausdauer erarbeitet. Gerade der Fokus eines
Sporttreibenden in einem Fitnesscenter sollte nicht auf einem Produkt
liegen, sondern bei sich und seinem Ziel. Folgendes Beispiel zeigt
die Möglichkeiten von Kreatin deutlicher auf: Wir benutzen keine
Sonnencreme, wenn draussen die Sonne kaum scheint. Wir schützen uns
dann vor den schädlichen UV-Strahlen, wenn die Belastung unseres
Körpers sehr gross wird. In diesem Beispiel lässt sich auch die
Anwendung von Kreatin verstehen: Kreatin bietet uns einen Schutz vor
grosser oder übermässiger Belastung und lässt uns schneller
regenerieren. Persönlich gebe ich einem Medizinstudenten vor der
Prüfung ebenso Kreatin wie einem Vegetarier, einem Leistungssportler im
Kraftaufbau oder einem Patienten im Spital vor der Operation. In allen
Beispielen steht eine grosse Belastung für den Körper bevor oder
Kreatin wird zu wenig aufgenommen. Kreatin hilft diesen Menschen nun,
sich vor einer Überlastung besser zu schützen. Hier ein paar Beispiele
mit empfohlener Dosierung: Der Medizinstudent: In
einer Studie konnte gezeigt werden, dass bei Personen mit einer
Dosierung von 8 g Kreatin über 15 Tage verteilt und danach 2–4 g
täglich (ohne Wochenendtage) die Energieversorgung des Hirns verbessert
wurde, die Testpersonen eine deutlich verbesserte Merkleistung hatten
und verringerte geistige Ermüdung zeigten. Nebenwirkungen konnten keine
festgestellt werden. Der Vegetarier: In einer
australischen Studie konnte gezeigt werden, dass Vegetarier, die weder
Fleisch noch Fisch essen, durch eine Kreatineinnahme von täglich 5 g
eine deutliche Steigerung sowohl der Intelligenz wie auch der Leistung
des Arbeitsgedächtnisses erreichen konnten. Die Person vor operativem Eingriff
(gleiche Einnahme wie Medizinstudent): In einer weiteren Studie wurde
nachgewiesen, dass bei Patienten, welche durch einen operativen
Eingriff teilweise bewegungsunfähig waren, der Muskelverlust durch
Kreatin zwar nicht verhindert werden konnte, die Kraft- und
Muskelumfangzunahme danach aber deutlich besser waren. Hier bedenke man
zudem die volkswirtschaftlichen Auswirkungen, wenn Patienten schneller
wieder aus dem Spital sind, schneller wieder arbeiten können und
wahrscheinlich auch weniger Medikamente brauchen würden. Sportler beim Muskelaufbau:
Im Spitzensportbereich gibt es verschiedene Einnahmeschemata, welche
propagiert werden. Das Bundesamt für Gesundheit schreibt den
Supplementherstellern folgenden Beschrieb auf den Dosen vor: bis 20 g
während 7 Tagen und danach 2–4 g. Diese Einnahme hat eine sehr schnelle
Leistungssteigerung, jedoch die Senkung der körpereigenen
Kreatinsynthese zur Folge. Die enorme Kraftzunahme innerhalb von ein
bis zwei Wochen darf bei vielen Sporttreibenden gerade in einem
Fitnesscenter kritisch hinterfragt werden. Die entscheidende Frage ist,
ob der passive Bewegungsapparat des Sportlers für solche Kraftzuwächse
genügend ausgebildet ist. Mit unseren Leistungssportlern haben wir
versucht, die oben unter „Medizinstudent“ beschriebene Einnahme in den
letzten 5–7 Jahren zu adaptieren. Die Resultate sind bemerkenswert und
wären Inhalt einer möglichen Studie, diese Anwendung auf
Fitnesssportler auszudehnen.
Qualität auf dem Markt Die im heutigen Handel
vorkommenden Produkte variieren in der Qualität sehr stark. Gerade im
Internethandel werden immer wieder „Schnäppchen“ angeboten. Der
Unterschied ist bedingt durch die Herkunft und Reinheit der Rohstoffe.
Die Kreatinproduktion beim Marktführer Degussa ® bringt ein
hochgereinigtes Kreatin ohne Verunreinigungen mit dem Markennamen
Creapure® hervor. Die meisten Billigrohstoffe aus China enthalten
oftmals Schwermetalle und andere toxische Verunreinigungen, welche zu
schweren Magen-Darm-Beschwerden führen können. Die Frage nach der
Herkunft des Rohstoffes ist also eine Gesundheitssache. Der Rohstoff
sollte HPLC(high performance liquid chromatography)-reines Kreatin
sein. Ein Billigkreatin, aus dem chinesischen Raum, ist bis zu
4-mal günstiger als der Degussa®-Rohstoff Creapure®. Die
Online-Händler, die vor allem im deutschen Raum 1 kg Kreatin zu 9,99
Euro verkaufen, spielen ein gefährliches Spiel mit der Gesundheit des
Konsumenten.
Kampf um Patente Im Jahr 1995 liess die Firma
Degussa® das Patent für Kreatin eintragen. Durch die Bewilligung von
Kreatin in vielen Staaten als Nahrungsergänzungsmittel war die grosse
Abnahme von Kreatin gesichert. Eine findige amerikanische Firma umging
nun dieses Patent, weil der pH-Wert von Kreatin beim Degussa®-Patent
beschränkt ist. Die Firma mischte es mit Natriumbicarbonat (=
Backpulver) und nannte es neu gepuffertes Kreatin mit hohem pH-Wert
oder Krealkalyne®. Andere neue Formen wie Kreatinethylester wollen das
ursprüngliche Degussa®-Patent ebenfalls umgehen.
FAZIT Wer Kreatin entweder selber nimmt oder
einem Kunden verkauft, muss kein schlechtes Gewissen haben, wie es
Ärzte oder Ernährungsberater leider immer noch weismachen wollen.
Würden wir Kreatin in unseren Spitälern, bei Demenzkranken usw. breiter
einsetzen, könnten wahrscheinlich Milliarden im Gesundheitswesen
eingespart werden und volkswirtschaftlich würde es einen nicht zu
vernachlässigenden Einfluss haben. Aus dem Fitnessbereich ist das
Kreatin nicht mehr wegzudenken. Und seine Bedeutung wird sicher noch
steigen. Wir haben immer mehr ältere Menschen in den Fitnesscentern,
die auf die positiven Eigenschaften aufmerksam geworden sind und sich
informieren.
Jürg Hösli Jürg Hösli hat an der
Universität Zürich Germanistik, Geschichte und Kognitionspsychologie
sowie an der Deutschen Hochschule für Prävention und
Gesundheitsmanagement Ernährungsberatung studiert. Sein Schwerpunkt
liegt im Leistungssport, er ist Seminarleiter im Bereich Ernährung und
Training, Berater von zahlreichen Athleten aus 14 Nationalverbänden,
zuständiger Ernährungsberater für Swiss Volley, der Nationalen Swiss
Olympic Sportschule in Kreuzlingen sowie Gründer und Inhaber der Firmen
gs medcircle® und gs food®. |